Was trägt, wenn nichts mehr trägt?
Was trägt, wenn nichts mehr trägt?
Es gibt eine Frage, zu der ich seit vielen Jahren immer wieder zurückkehre:
Was trägt, wenn nichts mehr trägt?
Zum ersten Mal begegnete sie mir bewusst, als ich etwa sechzehn Jahre alt war.
Eine Freundin meiner Mutter hat drei Töchter.
Wir standen der Familie damals sehr nahe.
Eines Tages trug die älteste Tochter ihre kleine Schwester die Treppe hinauf in den oberen Stock.
Sie stolperte.
Ihre kleine Schwester stürzte.
Wenig später lag das Mädchen auf der Intensivstation.
Wochenlang im Koma.
Die Ärzte machten der Familie kaum Hoffnung.
Ich erinnere mich noch gut an diese Zeit.
An die Angst.
Die Hoffnung.
Die Verzweiflung.
Und an das Ringen dieser Mutter um das Leben ihrer Tochter.
Doch auch für die älteste Tochter war diese Zeit schwer.
Sie war damals vierzehn Jahre alt.
Wie groß ihre Schuldgefühle gewesen sein müssen, kann ich nur erahnen.
Bis heute bewegt mich, mit wie viel Liebe, Verständnis und Mitgefühl ihr die Familie begegnete.
Und wie es ihnen mitten im Hoffen und Bangen um das Leben ihrer Tochter gelang, auch sie aufzufangen.
Wir alle waren in dieser Zeit sehr betroffen.
Wir waren für die Familie da.
Und doch fühlte es sich damals oft so an, als könnten wir kaum etwas für sie tun.
In ihren Gebeten fand die Mutter Halt und Zuversicht.
Eines Tages kam sie zu uns.
Sie wirkte gefasst.
Ruhig.
Klar.
Und irgendwie kraftvoll.
Nach all den Wochen des Hoffens, Bangens und Ringens sagte sie sinngemäß:
„Wenn dies der Weg ist, den Gott für meine Tochter vorgesehen hat, dann vertraue ich sie ihm an.“
Diese Worte erschütterten mich.
Ich konnte damals kaum fassen, was sie damit meinte.
Und doch sprach daraus keine Resignation.
Keine Gleichgültigkeit.
Und keine fehlende Liebe.
Sondern eine Liebe, die bereit war loszulassen.
Und sich dem anzuvertrauen, was kommen würde.
Damals wusste niemand, wie dies ausgehen würde.
Es hätte auch anders kommen können.
Und doch war diese Mutter bereit, sich dem anzuvertrauen, was kommen würde.
Entgegen aller Erwartungen erwachte das kleine Mädchen schließlich aus dem Koma.
Für viele von uns fühlte es sich wie ein Wunder an.
Die Ärzte hatten kaum Hoffnung gemacht.
Und selbst als sie erwachte, ging man zunächst davon aus, dass schwere Beeinträchtigungen zurückbleiben würden.
Doch auch das trat nicht ein.
Heute ist sie eine erwachsene Frau.
Sie hat selbst Kinder.
Und führt ein erfülltes Leben.
Bis heute habe ich Kontakt zu der Familie.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Haltung dieser Mutter.
Ihre Bereitschaft, sich dem Leben anzuvertrauen.
Und ihre Verbundenheit mit etwas, das größer war als sie selbst.
Manche nennen es Gott.
Andere Buddha.
Das Leben.
Das Göttliche.
Oder einfach das große Geheimnis.
Viele Jahre später begegnete mir diese Frage erneut.
Als ich meinen Vater über mehr als ein Jahr bis zu seinem Tod begleitete.
Krankheit.
Schmerz.
Abschied.
Verlust.
Diese Erfahrungen veränderten mein Leben nachhaltig.
Aus ihnen wuchs in mir der Wunsch, Menschen in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten.
Über viele Jahre hinweg arbeitete ich in der Hospizbegleitung.
Dabei begegnete ich vielen Menschen.
Und es gab Momente, in denen ich mit der Wucht des Lebens haderte.
Mit dem, was Menschen tragen, ertragen und aushalten müssen.
Wenn eine Mutter ihre Kinder zurücklassen musste.
Wenn ein Mensch mit der Angst rang, zu ersticken.
Wenn ein junger Mensch noch so gerne gelebt hätte.
Und doch erinnere ich mich nicht nur an Schmerz und Abschied.
Sondern auch an viele humorvolle Momente.
An Lachen.
An Nähe.
Und an eine Lebendigkeit, die ich nie vergessen habe.
Die unmittelbare Begegnung mit Sterben und Vergänglichkeit hat mich auf den Zen-Weg geführt.
Seitdem begleitet mich dieser Weg.
Die Zen-Meditation ist für mich ein Erfahrungsweg.
Ein Weg, der immer wieder zur unmittelbaren Erfahrung des Menschseins führt.
Und vielleicht auch dazu, Begegnungen und Beziehungen mit anderen Augen zu sehen.
Jeder Mensch, dem wir begegnen, bringt etwas Einzigartiges in unser Leben.
Etwas, das wir auf keine andere Weise hätten erfahren oder erkennen können.
Vielleicht liegt gerade darin ihre Kostbarkeit.
Von Atemzug zu Atemzug.
Was trägt, wenn nichts mehr trägt?