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Schwarz-Weiß-Bild eines Mannes, der den Zeigefinger vor seinem Mund hält, symbolisiert Tabuthemen.

Wir haben alle Angst

Von Natascha Koller – Mai 2020

 „Ich bin nicht einverstanden mit dem, was Sie sagen, aber ich würde bis zum Äußersten dafür kämpfen, dass Sie es sagen dürfen.“ (Voltaire)

Dieses Zitat ist für mich besonders relevant, wenn ich an das aktuelle Weltgeschehen denke. Es hat mich dazu angeregt, einen Blogbeitrag zu verfassen, um den vielen Eindrücken Ausdruck zu verleihen, die ich durch Klient:innengespräche, aber auch durch Gespräche mit Freunden, Bekannten und meiner Familie sowie durch eigene Erfahrungen in den letzten Monaten sammeln konnte. Ich setze mich für die Freiheit der Meinungsäußerung ein, um dieses wertvolle Gut zu bewahren.

Mut zur Emotionalität

Wir denken, dass wir einander zuhören und jede:m seine:ihre eigene Meinung gestatten. Dass wir einfach sagen können, was wir meinen, ob dies anderen gefällt oder nicht. Bis vor kurzem hätten die meisten von uns hier wahrscheinlich kopfnickend zugestimmt. Aber ist das tatsächlich so? Gemeinsam mit der Informationsfreiheit bildet das Recht auf Meinungsäußerung einen wichtigen Aspekt einer lebendigen und funktionierenden demokratischen Gesellschaft, einer vielfältigen Kultur. Verfolgt man allerdings das politische Weltgeschehen und die gesellschaftliche Entwicklung seit dem letzten Jahr, entsteht schnell der Eindruck, dass freie Meinungsäußerung mehr ein Privileg ist oder nur dann gilt, wenn es um nichts Wesentliches geht, als dass es ein unabdingbares Recht ist. Diese Rechte wurden nicht immer als selbstverständlich angesehen, sondern von früheren Generationen erkämpft. Heute scheint es nicht mehr selbstverständlich, seinen Unmut über Ungerechtigkeit zu äußern. Stattdessen wird über oberflächliche Themen wie Körperideale geklagt, während ernste Ängste – wie Arbeitsverlust, Armut oder die Sorge, die Familie nicht mehr versorgen zu können – oft übersehen werden. Auch die Ängste vieler Menschen vor schnellen Impfzulassungen oder die Überlastung von Eltern, besonders Alleinerziehenden, werden häufig nicht ausreichend beachtet.

Diese realen Ängste und Überforderungen sind eine dringende Herausforderung, die wir kritisch hinterfragen müssen. Wenn es keine Perspektiven mehr gibt, nur noch Bestrafung und Abwertung, führt dies zu einem Gefühl der Sinnlosigkeit. Und dann befinden wir uns in einer destruktiven gesellschaftlichen Abwärtsspirale.

Lebendigkeit und Sinn erleben, der uns täglich trägt

Wir hören, sehen und erleben Dinge, die unsere Aufmerksamkeit wecken. Sie regen uns zum Nachdenken oder sogar zum Überkochen an. Sie spalten oder vereinen uns. Doch in einer Welt, die von Informationen und Reizen überflutet wird, neigen viele Menschen dazu, in eine Art Gleichgültigkeit zu verfallen. Warum ist das so? Bevorzugen wir es, unsere Bequemlichkeit zu bewahren, anstatt zu hinterfragen, uns zu bewegen oder uns in andere hineinzuversetzen, die eine andere Perspektive haben?

Wie können wir unsere Gedanken schärfen und verhindern, dass wir uns in vermeintlicher Hilflosigkeit verlieren? Und was tun wir, wenn wir plötzlich allein mit unserer Meinung dastehen und möglicherweise als Außenseiter:in wahrgenommen werden? Diese Situation ist schwer erträglich, nicht wahr? Denn Isolation, das Gefühl, von der Mehrheit – sei es von der Gemeinschaft, der Familie, den Freund:innen oder den Kolleg:innen – getrennt zu sein, gehört zu den größten Ängsten des Menschen. Dies ist ein Phänomen, das aus unserer Sehnsucht nach Zugehörigkeit entsteht und den Wunsch, Einsamkeit zu vermeiden. Deshalb halten wir oft unsere Meinung zurück und wagen nur wenig. Was für ein Verzicht!

Angst muss uns nicht lähmen. Sie kann auch Mut machen, wenn wir lernen, sie ernst zu nehmen und über sie hinauszuwachsen – vielleicht in kleinen Schritten, aber doch. So können wir sagen: „Ich lass dir deine Meinung, lass mir bitte meine, danke!“ Ein Zitat von Marianne Williamson, das Nelson Mandela bei seiner Amtsantrittsrede zitierte, inspiriert mich besonders. Nelson Mandela verbrachte ein Drittel seines Lebens unter extremen Bedingungen in Gefangenschaft, setzte sich jedoch sein ganzes Leben für ein gerechtes Leben ein, in dem jeder Mensch, unabhängig von seiner Hautfarbe, das Recht auf Freiheit hat.

„Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind.
Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich machtvoll sind.
Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit.
Wir fragen uns: Wer bin ich eigentlich, dass ich leuchtend, hinreißend, talentiert und fantastisch sein darf?
Wer bist du denn, es nicht zu sein?
Du bist ein Kind Gottes.
Dich selbst klein zu halten, dient der Welt nicht.
Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn du dich kleiner machst,
damit andere um dich herum sich nicht verunsichert fühlen.
Wir sollen alle strahlen wie die Kinder.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes zu verwirklichen, die in uns ist.
Sie ist nicht nur in einigen von uns; sie ist in jedem Einzelnen.
Und wenn wir unser eigenes Licht erstrahlen lassen,
geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.
Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreit haben,
befreit unsere Gegenwart andere ganz von selbst.“
(MARIANNE WILLIAMSON, Rückkehr zur Liebe)

Menschenmenge

Auch wenn Menschen in der Mehrheit sind, können sie sich irren, denn Meinung und Wahrheit sind subjektiv und niemals absolut. Selbst wissenschaftliche Erkenntnisse spiegeln nur einen Teil der Realität wider. Nur weil die Mehrheit einer Meinung folgt, heißt das nicht, dass sie richtig ist. Wir sollten nie nur einer Wirklichkeit nachlaufen, es könnte sich später als großer Irrtum herausstellen.

Toleranz ist wichtig, doch sie kann auch Gleichgültigkeit oder Überheblichkeit bedeuten. Akzeptanz hingegen ist ein Akt der Wertschätzung und übertrifft die Toleranz. Es ist entscheidend, mit eigenen, wertschätzenden, aber auch kritischen Statements voranzugehen, da jede Meinung ihren Wert hat. Lebendige Demokratie, wie ich sie verstehe, ist herausfordernd, aber faszinierend. Sie lebt von ihrer Vielfalt und den Möglichkeiten, die sie bietet.

Und wenn wir uns in der Meinung unterscheiden, ist das kein Problem. Wir sollten uns dafür einsetzen, dass jede:r die eigene Meinung äußern darf, auch wenn wir uns nicht immer einig sind. Vielleicht hast du dazu eine ganz andere Meinung? Nun, lieber Leser und liebe Leserin, das ist in Ordnung. Lass uns einfach mutig sein, im Sinne von „Ich bin nicht einverstanden mit dem, was du sagst, aber ich würde bis zum Äußersten dafür kämpfen, dass du es sagen darfst.“ Das gilt für dich, für mich und jede:n andere:n.


team dakota Natascha Koller
Über den:die Autor:in

Natascha Koller

Gründerin und Leiterin des DAKOTA Instituts und der DAKOTA Akademie, Paarcoach und Sexualberaterin, Mediatorin, Supervisorin, Ausbildnerin für Lebens- und Sozialberatung, Lehrtrainerin in Kommunikations- und Konfliktmanagement sowie Trainerin für Stressmanagement und Burn-out-Prävention, zertifizierte Erwachsenenbildnerin (wba) | Natascha Koller arbeitet seit vielen Jahren als Paarcoach und Sexualberaterin und ist spezialisiert auf die Unterstützung von Paaren in Krisensituationen sowie die Begleitung in Fragen der sexuellen Gesundheit. Sie kombiniert ihr tiefes Wissen in systemischer Beratung mit umfassender praktischer Erfahrung in der Erwachsenenbildung. Neben ihrer Praxis in Salzburg ist sie auch als Ausbildnerin und Lehrtrainerin tätig und gibt ihre Expertise in verschiedenen Weiterbildungsprogrammen weiter.